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Vielleicht solltest Du mal

mit jemandem drüber reden

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Lori Gottlieb – „Vielleicht solltest Du mal mit jemandem darüber reden“

Die amerikanische Psychotherapeutin Lori Gottlieb hat ein wunderbares Buch über beratende bzw. psychotherapeutische Begegnung mit Menschen geschrieben. Hier ein kleiner Auszug daraus:

Warum aber suchen wir uns einen Beruf, der uns mit unglücklichen, gestressten, aggressiven oder unachtsamen Menschen zusammenbringt, um mit ihnen, einem nach dem anderen, in einem Raum zu sitzen? Die Antwort lautet: Weil Therapeuten wissen, dass jeder Patient anfangs einfach ein Schnappschuss ist, eine spezielle Momentaufnahme. Das ist wie ein Foto aus einem unvorteilhaften Winkel, auf dem Sie aussehen, als hätten Sie in eine Zitrone gebissen. Aber es gibt eben auch noch das Foto, auf dem Sie regelrecht strahlen, weil Sie ein Geschenk auspacken oder mit Ihrer Liebsten lachen. Beide zeigen einen zeitlichen Ausschnitt von Ihnen, und keines zeigt Sie in Ihrer Gesamtheit. Also hören Therapeuten zu, geben da und dort Anstöße, führen und überreden ihre Patienten, sich auch diese anderen Schnappschüsse anzusehen, um ihren Blickwinkel auf das Innen und Außen zu verschieben. Wir gehen die Schnappschüsse miteinander durch, und bald zeigt sich, dass diese scheinbar zusammenhanglosen Bilder in Wirklichkeit um ein Thema kreisen, das der Patient vielleicht nicht im Blick hatte, als er beschloss, Ihre Praxis zu betreten. Einige dieser Schnappschüsse sind verstörend. Sie anzuschauen erinnert mich daran, dass wir alle eine dunkle Seite haben. Andere sind ziemlich unscharf. Die Menschen erinnern sich nicht immer deutlich an Ereignisse oder Gespräche. Was sie jedoch wissen, ist, wie sie sich bei einer bestimmten Erfahrung gefühlt haben. Therapeuten müssen diese verschwommenen Schnappschüsse interpretieren, sich allerdings auch darüber im Klaren sein, dass diese Unschärfe bis zu einem gewissen Grad nötig ist, dann nämlich, wenn sie hilft, verborgene Gefühle zu überdecken, die ihre friedliche Seelenlandschaft stören könnten. Mit der Zeit jedoch lernen sie, dass sie sich nicht im Krieg mit sich befinden und der Pfad zu wahrem Frieden über den Waffenstillstand mit sich selbst führt. Aus diesem Grund machen wir uns schon ein Bild davon, wie der Mensch später sein wird, wenn Patienten das erste Mal zu uns kommen. Das tun wir aber nicht nur am ersten Tag, sondern in jeder einzelnen Sitzung. Dieses Bild ermöglicht es uns nämlich, für den Patienten die Hoffnung aufrechtzuerhalten, dass er sich selbst einfach noch nicht vollständig sehen kann. Außerdem bestimmt dieses Bild, wie die Behandlung sich weiter entfaltet. Ich habe einmal jemanden sagen hören, Kreativität sei die Fähigkeit, die Essenz eines Dings wahrnehmen zu können und sie mit der Essenz von etwas ganz anderem zu verschmelzen, um daraus etwas völlig Neues zu schaffen. Therapeuten machen genau das Gleiche. Wir nehmen die Essenz des ursprünglichen Schnappschusses und die Essenz eines imaginierten Bildes, und verschmelzen sie zu etwas völlig Neuem. Das behalte ich immer im Hinterkopf, wenn ich einen neuen Patienten kennenlerne.